„Wir sind mehr als bereit für die Herausforderungen der Zukunft im Druck- und Papierbereich“

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Interview mit Dr. Jens Magenheimer, Geschäftstellenleiter bei ISRA VISION

Die ISRA VISION AG ist Weltmarktführer im Bereich Oberflächeninspektion und beschäftigt rund 800 Mitarbeiter. Binnen 20 Jahren wuchs ihr Umsatz aus dem einstelligen Millionen-Bereich auf über 150 Mio. Euro. Davon reinvestiert das Unternehmen 14 Prozent in die Forschung und Entwicklung. Dr. Jens Magenheimer leitet die Geschäftsbereiche, die  auf die Inspektion von Papier und Metall spezialisiert sind. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Druck und Papier, die verschiedenen technologischen Anforderungen im Papier-, Druck- und Verpackungsmarkt und über die Inline-Inspektion in 4.0-Prozessen.

Herr Magenheimer, ISRA Vision wächst und wächst. Was sind die wichtigsten Treiber?

Dr. Jens Magenheimer: Tatsächlich sind wir Weltmarktführer in der Oberflächeninspektion und wachsen mit jährlichen Raten im zweistelligen Prozentbereich. Dieser Erfolg gründet darauf, dass wir mit unseren Produkten die Qualitätssicherung in der Produktion unserer Kunden automatisieren. Das steigert ihre Produktqualität, erlaubt ihnen eine kontinuierliche Prozessoptimierung und bringt klare Kosten- und Wettbewerbsvorteile. Wachstumstreiber sind die digitale Vernetzung und intelligente Produkte mit Embedded Technologie: Stichwort Industrie 4.0. Zudem geht unsere Multi-Branchen-Strategie auf. ISRA hat heute über zehn Hauptgeschäftsfelder mit den Schwerpunkten Oberflächeninspektion, Industrieautomation und Prozessoptimierungssoftware.

Was sind heute die zentralen Anforderungen an Inspektionssysteme?

Magenheimer: Das sind die steigenden Produktionsgeschwindigkeiten, das Erkennen und exakte Klassifizieren immer kleinerer Defekte und die stark variierende Fehleranzahl. Bei Metall- und Papierbahnen reicht sie von einigen hundert bis 30.000 Fehler pro Coil.

Stichwort Papier: Welche Rolle spielen Papier, Druck und Verpackungen für ISRA?

Magenheimer: Zunächst gilt festzuhalten, dass das sehr unterschiedliche Märkte mit jeweils eigenen Anforderungen sind. In der Inspektion von Metall- und Papierbahnen gibt es mehr Gemeinsamkeiten als in der Inspektion von Papierherstellung und Druckprozessen. In der Papierindustrie stellen sich durch die Digitalisierung neue Aufgaben. Es gilt, die Prozesse transparenter zu machen und mithilfe von Root-Cause-Analysen zu optimieren. Hier sind wir mit unserem Paper Quality Management System führend. Auch der Trend zur Umrüstung von Papiermaschinen - weg von Printsubstraten hin zu anderen Papiersorten – kommt uns zugute: Hier verzeichnen wir eine steigende Nachfrage nach Systemen zur Bahninspektion (WIS) und Bahnabrissüberwachung (WBM). Durch den E-Commerce und die Urbanisierung wächst auch die Nachfrage nach immer hochwertigeren Papiersorten; gerade gestrichene Papiere, Tissue und Testliner (Deckenpapiere für Wellpappe) sind sehr gefragt. Deren Hersteller sichern ihre Prozesse mit unseren Machine Vision Systemen und Softwarelösungen ab. Nicht zuletzt sehen wir auch flexible Verpackungen als Zukunftsmarkt, weil immer mehr Verbraucher auf Plastik verzichten möchten.

Welche Schwerpunkte setzen Sie bei Ihren Lösungen für Druck und Papier?

Magenheimer: Unsere Systeme für die Druckinspektion decken den gesamten Workflow ab. Mit hochauflösender Bahnbeobachtung und Spektralfarbmessung sorgen sie dafür, dass Druckjobs beim ersten Anlauf korrekt in Register und Farbe gelingen. Druckbahnen werden auch bei Höchstgeschwindigkeiten auf jedem Quadratmillimeter überwacht. Die Inspektion umfasst die gesamte Prozesskette. Von der Produktion der Papiere, Pappen, Folien oder Metalle über die Vorbeschichtung und Druckvorstufe, wo unsere Systeme Druckmarken, Farben und PDFs kontrollieren, bis hin zum Druckprozess und Post-Processing. Unsere Prozessoptimierungssoftware EPROMI stellt Tools zur Berichterstattung und Datenanalyse bereit, auf deren Basis unsere Kunden fundierte wirtschaftliche Entscheidungen im Hinblick auf Qualität und Produktivität treffen können.

ISRA wächst auch durch Zukäufe. Greift diese Strategie im Druck- und Papierbereich? 

Magenheimer: ISRA folgt bei Akquisitionen der Formel „1 + 1 ergibt mehr als 4“. Wir wählen gezielt Kandidaten mit sehr hohen Synergiepotenzialen für beide Seiten aus, die sich in der globalen ISRA-Infrastruktur optimal weiterentwickeln können. Die Geschäftsbereiche Metall und Papier wurden durch solche Zukäufe verstärkt und zählen heute viele große Namen aus beiden Branchen zu ihren Kunden. Unser Quality Management System (QMS) ist bei den größten Stahlproduzenten im Einsatz. Analogien zu ähnlich gelagerten Prozessen in der Papierbranche konnten wir für unser Paper Quality Management System (PQMS) nutzen.

Ihre Systeme überwachen die Fertigung von Farb-, Spezial- und Sicherheits-Papieren, Karton und Tissue-Produkten. Passiert das auf einer Plattform?

Magenheimer: Jeder der genannten Bereiche ist von den anderen weitgehend unabhängig. Papier- und Kartonproduktion sind für uns noch vergleichbar. Mit Bahnüberwachung, Web-Break-Monitoring und PQMS bieten wir dafür ein gemeinsames Portfolio an. Dagegen geht es bei Inspektionen im Tissuebereich und in der Zellstoffherstellung um andere Themen. In Zellstofffabriken ist unsere Embedded Colour Camera im Einsatz, die bis dato unsichtbare Fehler eindeutig erkennt. Damit haben wir hier einen neuen Benchmark gesetzt, der unsere Kunden noch bessere Qualitäten produzieren und ausliefern lässt. Auch im Bereich Security Printing unterscheidet sich unser Portfolio zur Inspektion von Sicherheitspapieren und von Sicherheitsdrucken sehr deutlich von den anderen Papieranwendungen.

Wie erkennt man Abrisse bei 10 m Bahnbreite und winzigste Fehler bei 2 km/min?

Magenheimer: Wir setzen auf Embedded Kameras für schnelle Datenverarbeitung und auf die Kombination von Highspeed-Kameras und Highpower-LEDs in einem Gehäuse. Zudem lassen sich unsere Systeme hinsichtlich der Defektbestimmung direkt in der Linie anhand bisheriger Klassifikationsergebnisse nachoptimieren – und erzielen so große Lerneffekte. Dieses Einlernen von neuen Defektdetails kann sowohl vollautomatisch als auch manuell erfolgen. Die lernende Klassifikation ist seit Jahren im Einsatz. Entwicklungsschwerpunkte in diesem Bereich liegen aktuell auf Deep Learning und künstlicher Intelligenz (KI).

Wo sehen Sie die Druck- und Papiertechnik mit Blick auf die Industrie 4.0?

Magenheimer: Gerade Druckereiprozesse bieten Potential zur horizontalen und vertikalen Integration der Digitalisierung. Wir bereiten unser Portfolio durch den Embedded-Ansatz und den KI-Einsatz systematisch auf 4.0-Prozesse vor. Dies auch wegen der wachsenden Vielfalt an Substraten: Jede neue Oberfläche birgt eine neue Herausforderung an die Inspektionstechnik. Dem begegnen wir, indem wir Systeme so flexibel wie möglich auslegen, damit sie eine hohe Bandbreite an Substraten abdecken. Hier kommt es uns zugute, dass wir als Systemanbieter volle Kontrolle über Belichtung, Kamera, Lichteinfallswinkel und weitere entscheidende Details haben. Wir sind mehr als bereit für die Herausforderungen der Zukunft im Druck- und Papierbereich und gehen auch deshalb davon aus, hier ein gutes Wachstum mit Raten im niedrig zweistelligen Prozentbereich erzielen zu können - vor allem in Asien und Amerika.

Führen Echtzeitinspektion und KI zur vollautomatischen fehlerfreien Papierfertigung?

Magenheimer: Eine vollautomatisierte, fehlerlose Papierherstellung wird es wahrscheinlich nicht geben. Doch die Industrie wird einen sehr hohen Automatisierungsgrad erreichen. Und vollautomatische 100-Prozent-Inspektion wird künftig jeden Fehler schon im Produktionsprozess erkennen.

Abschlussfrage: Wie wird ISRAs Papier- und Printsparte im Jahr 2030 aussehen?

Magenheimer: Wir werden ein zentrales Ziel verfolgen, das unser Handeln schon heute bestimmt: Optimale Workflows für unsere Kunden aus der Druck- und Papierindustrie. Die Mittel werden andere sein. Intelligente, lernende Systeme werden digitale Prozessketten rundum überwachen, kritisch abweichende Prozessparameter frühzeitig erkennen und ein kontinuierliches Nachsteuern im Sinne optimaler Produktqualität ermöglichen.