„Wir müssen das Ohr noch näher am Markt haben“

TKM

Interview mit Thomas Huhn, CEO der Division Papier und CSO der TKM Group

Die TKM Group mit Hauptsitz in Remscheid ist ein global führender Anbieter von Maschinenmessern und Systemen für die Holz-, Papier-, Metall-, Kunststoff-, Gummi- und Recyclingindustrie. Die Firmengeschichte reicht bis ins Jahr 1863 zurück. Thomas Huhn,  Geschäftsführer der Division Papier und Chief Sales Officer (CSO) ist seit 1994 an Bord. Im Interview erklärt er, wie wichtig der Papier- und Verpackungsmarkt für TKM ist, warum der Trend zu immer spezifischerer Schneidtechnik geht und welche Rolle Print 4.0 dort spielt. 

Herr Huhn, können Sie TKM bitte kurz vorstellen?

Thomas Huhn: Wir sind ein internationales Familienunternehmen mit 850 Mitarbeitern und Auszubildenden sowie einem Jahresumsatz von 130 Mio. Euro. Weltweit hat unsere Gruppe zwölf Gesellschaften, sieben Vertriebs- und Produktionsstandorte in Europa sowie Vertriebs- und Servicestandorte in Asien und Amerika. Seit 1908 produzieren wir Maschinenmesser. Im Jahr 2012 hat unser CEO Thomas Meyer, der bereits geschäftsführender Gesellschafter war, das Unternehmen von der Familie Klingelnberg übernommen. Nach dem Verkauf folgte die Umfirmierung von IKS Klingelnberg in TKM - „The Knife Manufacturers“.

Welches sind Ihre wichtigsten Zielmärkte?

Huhn: Wir sind ein führender Anbieter von Maschinenmessern, -elementen und -systemen. Zielbranchen sind u.a. Metall, Kunststoff, Gummi, Recycling und Holz, sowie insbesondere Papier mit den Teilbereichen Tissue, Druck und Verpackungen. Die Umsätze verteilen sich zu 70 Prozent auf Europa, jeweils knapp 15 Prozent auf Asien und Amerika – der Rest geht in andere Kontinente. Besonderes Augenmerk haben wir auf Schwellenländer in Asien und Südamerika, ohne dabei die „Mature Markets“ in Europa und den USA zu vernachlässigen.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Forschung und Entwicklung?

Huhn: Wir orientieren uns am Bedarf unserer Kunden. Dies hat den Hintergrund, dass wir in vielen Industrien Zulieferer von OEMs sind. Gemeinsam mit ihnen beraten wir Anwender mit unserem sehr spezifischen Knowhow und bringen in Erfahrung, wo sie sich Verbesserungen für Schneidprozesse wünschen. So wird unser Produktspektrum breiter und spezifischer. Als ich hier 1994 anfing, gab es für Hygienepapiere lediglich Papierkreismesser von 610 mm Durchmesser. Heute liefern wir dafür Kreismesser verschiedenster Durchmesser bis 1200 mm, Schleifscheiben, Perforier-, Abschlagmesser, ein Spraysystem und vieles mehr. Und das ist nur ein Bereich. Wir verstehen uns als Partner und Lösungsanbieter der Industrie.

Welche Rolle spielt der Bereich Druck, Papier, Zellstoff und Verpackungen für TKM?

Huhn: Die Division Papier konnte ihren Anteil am Gesamtumsatz der TKM Gruppe in den letzten Jahren kontinuierlich auf fast 50 Prozent steigern. Treiber sind die weltweit steigende Nachfrage im Verpackungs- und Hygienebereich, sowie der industrielle Druck. Ein Beispiel: Wo gedruckte Holzdekore Echtholzfurnier ersetzen, steigt der Bedarf an Schneidtechnik für Papier. Wir sehen natürlich, dass der Druck von Zeitungen, Magazinen und Publikationen rückläufig ist. Der Buchdruck dagegen hat sich stabilisiert. In den nächsten Jahren erwarten wir kontinuierliches Wachstum in den Bereichen Verpackung und Hygiene; das vor allem in Schwellenländern. Doch auch in reifen Märkten steigt mit dem demographischen Wandel der Bedarf an kleineren Verpackungsgebinden für Kleinsthaushalte.

Was heißt das mit Blick auf Ihre Schneidwerkzeuge?

Huhn: Durch kleinere Auflagen und häufigere Formatwechsel rückt Langlebigkeit zum Teil in den Hintergrund, das die Werkzeuge im Zuge der Umrüstungen ohnehin gewechselt werden. Diesen Anforderungen stellen wir uns, zumal es für die Wettbewerber aus Niedriglohnländern einfacher wird, wenn die Relevanz der Lebensdauer von Industriemessern abnimmt.

Liegt hier die Ursache für die zunehmende Spezialisierung von Schneidtechnik?

Huhn: Wir begegnen dem Trend mit Applikations-Knowhow und indem wir Lösungen noch exakter auf die spezifischen Prozesse unserer Kunden abstimmen. Das können beschichtete Rakel sein, die Sie bei Farb- und Formatwechseln nicht austauschen müssen oder spezielle Härteverfahren. Es können zwei Winkel an einem Messer sein oder Nano- und Kohlenstoff-Beschichtungen, die Anhaftungen von Kleber - oder von Aluminium beim Zuschneiden von Offsetdruckplatten vorbeugen. Um solche passgenaue Lösungen entwickeln und anbieten zu können, müssen wir das Ohr noch näher am Markt haben und den Technikern der OEMs und Anwender sehr genau zuhören. Wichtig ist auch, die Balance zwischen Speziallösungen für Nischen und einfacherer Technik für Massensegmente zu finden.

Liegt die Expertise von TKM eher in der Metallurgie, in der Oberflächentechnik oder in Produktionstechnik und Qualitätssicherung?

Huhn: Sie liegt im Zusammenspiel der Disziplinen. Das beginnt beim Rohmaterial. Um in der Werkstoffentwicklung eng mit Stahlherstellern zusammenarbeiten zu können, beschaffen wir das Material in Europa. Härte- und Weiterverarbeitungsprozesse erledigen wir ganz bewusst inhouse. Wir produzieren 90 Prozent unserer Produkte selbst, um die Prozesse steuern zu können. Zugleich pflegen wir enge Entwicklungspartnerschaften mit Zulieferern und Kunden.

Welche Rolle spielen digitale Vernetzung und Print 4.0 bei TKM?

Huhn: Wir treiben die Automatisierung und Vernetzung unserer Prozesse konsequent voran. Doch gibt es in der Messerherstellung Arbeitsschritte wie das Richten, für die es bisher keine zufriedenstellende Automatisierungslösung gibt. Wir arbeiten mit Forschungsinstituten und Universitäten zusammen, um hier Lösungen zu entwickeln. Aber noch sind wir nicht soweit. Langfristig wollen wir dahin kommen, dass wir Massenware on-demand fertigen: das Lager also automatisiert eine bestimmte Menge eines Produkts in der Produktion abruft.

Sie bereiten sich damit auch auf steigenden Kostendruck vor. Sind Kunden in allen Märkten bereit, in ihre Highend-Produkte zu investieren?

Huhn: Unsere spezifischen Sonderlösungen und unser Verständnis der Kundenprozesse   heben uns von vielen Wettbewerbern ab. Allerdings müssen auch wir auf unterschiedliche Kostenerwartungen reagieren, indem wir nicht überall dieselben Produkte anbieten. Doch wir sehen, dass das technologische Niveau vielerorts durch das Wachstum im Verpackungs- und Hygienebereich steigt. Von daher sind wir beim Blick in die Zukunft nicht bange.

Was also sehen Sie, wenn Sie sich die TKM Group im Jahr 2030 vorstellen?

Huhn: Wir werden unsere Lösungen in ein noch stärker digitalisiertes Umfeld liefern, selbst weitgehend automatisiert produzieren und wie gehabt jede Menge Papier, Pappen, Zellstoffe und Ähnliches zu schneiden haben. Welche neuen Papp- und Papierprodukte es geben wird, kann ich nicht sagen. Doch ich bin fest überzeugt, dass die Potentiale längst nicht ausgereizt sind. Druck, Papier und Verpackung bleiben Zukunftsmärkte, denen sich TKM auch 2030 mit einem jungen, dynamischen Team stellen wird.