„Gedruckt wird künftig überall - auf allen Materialien.“

KELENN technology

KELENN technology aus Antony bei Paris ist auf schnelle Inkjet-Drucksysteme, auf Bildverarbeitung und Equipment für Printed Electronics spezialisiert. Geschäftsführer Didier Rousseau hat die Firma 2005 gegründet. Im Interview erklärt er, warum sein Unternehmen die Hälfte seiner Umsätze in Forschung und Entwicklung investiert, welche Vision ihn dabei treibt und wie die Bereiche Druck, Imaging und Printed Electronics ineinandergreifen.

Das Unternehmen ist auch Mitglied in der VDMA Arbeitsgemeinschaft OE-A (Organic and Printed Electronics Association), die im engen Kontakt mit dem Fachverband Druck- und Papiertechnik steht.

Herr Rousseau, können Sie KELENN technology kurz vorstellen?

Didier Rousseau: Gern. Ich habe das Unternehmen vor knapp 13 Jahren gegründet. Nach Anfängen in der industriellen Bildverarbeitung haben wir uns auf Inkjet-Drucksysteme und Printed Electronics spezialisiert. Wir sind heute 24 Mitarbeiter, setzten 2017 rund zwei Mio. Euro um und haben eine Exportquote von 70 Prozent. Vom Umsatz investieren wir 50 bis 65 Prozent in Forschung und Entwicklung – und zusätzlich dazu staatliche Fördergelder. Zwei unserer Mitarbeiter befassen sich mit Grundlagenforschung und sechs weitere forschen anwendungsnah; sie alle wirken nicht in Kundenprojekten mit.

Wie verteilen sich Ihre Umsätze auf die drei Bereiche?

Rousseau: Imaging-Systeme trugen letztes Jahr circa 35 Prozent zum Umsatz bei, Printed Electronics etwa 15 Prozent und Inkjet-Systeme die andere Hälfte. Die Anteile ändern sich aber; auch, weil der Bereich gedruckte Elektronik aktuell um 400 Prozent jährlich wächst.

Welche Synergien bestehen zwischen Ihren Imaging- und Drucksystemen?

Rousseau: Die Hälfte unserer Kunden bestellt Drucksysteme mit Bildverarbeitungsmodulen. Und 90 Prozent unserer Bildverarbeitungsprojekte sind mit der Drucktechnik verbunden. Die Systeme prüfen, verfolgen und lesen gedruckte Informationen. Großunternehmen wie Xerox, Ricoh, Boewe Systec und andere integrieren unsere Imaging-Systeme in ihre Druckanlagen. Unsere Inkjet-Systeme sind vor allem zur Individualisierung und Personalisierung von Werbesendungen, Rechnungen und im Sicherheitsdruck im Einsatz. Erfreulicherweise stoßen sie aber auch im Verpackungsdruck, Pharmasektor und weiteren Märkten auf steigende Nachfrage.

Ihre Inkjet-Systeme bedrucken viele Substrate - Papier, Pappe, PET, PVC, Metall…  

Rousseau: … und bedienen so die veränderten Anforderungen im Markt. Druck auf Papier ist nur noch eine Spielart von vielen. Gedruckt wird künftig überall - auf allen Materialien. Wir erhalten Kundenanfragen aus verschiedensten Branchen. Gerade Kunden, die nicht aus der Druckindustrie kommen, suchen zuverlässige skalierbare Systeme, die leicht in bestehende Anlagen integrierbar sind. Gewünscht ist vollautomatisierte Technik, die einwandfreie Qualität auf Knopfdruck liefert und im Sinne der Nachrüstbarkeit kaum Bauraum beansprucht. Unsere Inkjet-Systeme nehmen teils 50 Prozent weniger Platz ein als Systeme von Wettbewerbern.

Welche Rolle spielen Print-4.0-Lösungen?

Rousseau: Ohne geht nichts mehr. Im Zusammenspiel mit unserer Bildverarbeitungstechnik bieten wir vollautomatisierte, vernetzte und qualitätsgesicherte Systeme. Da wir die Software selbst entwickeln, konnten wir früh umfassende Monitoringlösungen für Status, Performace, Druckdurchsatz und Materialverbrauch integrieren und auch Möglichkeiten zur Fernwartung realisieren. Auffälligkeiten und Fehler melden unsere Systeme von selbst. Wir arbeiten hier eng mit OEMs zusammen, die unsere Technologien adaptieren und integrieren. Dabei stehen wir ihnen mit unserem Knowhow zur Seite. Teils geht es um neue Inkjet-Verfahren, die noch geheim sind.

Wie läuft Ihr Geschäft mit Drucksystemen für Postversand?

Rousseau: Unsere Lösungen adressieren ein wachsendes Marktsegment. Personalisierung und Individualisierung sind gefragt. Zwar sinkt die Gesamtzahl der Postsendungen im Zuge der Digitalisierung. Doch unsere Inkjet-Drucker bieten Kunden die notwendige Flexibilität, um unterschiedlich dicke und große Umschläge in höchstem Tempo und zu geringen Kosten zu bedrucken – und dabei zu personalisieren.

Sie versprechen hohe Druckgeschwindigkeiten bei geringen Druckkosten. Sind die Kosten im Inkjet-Druck nicht vor allem von den Tinten abhängig?

Rousseau: Es geht darum, im Sinne der Qualität die am besten geeignete Tinte zu nutzen, das aber so effizient wie möglich. Vier Mitarbeiter befassen sich bei uns mit dem Matching der Drucksysteme und Tinten sowie der optimierten Verarbeitung. Dafür kooperieren wir mit Tintenherstellern. Im Prozess zählen Druckgeschwindigkeit, Tinten- und Energieverbrauch – also der effiziente Einsatz von Zeit, Energie und Verbrauchsmaterialien. Das hält die Kosten gering und verschafft unseren Kunden echte Wettbewerbsvorteile.

Ihre KEOS-Inkjet-Systeme drucken mit bis zu 400 Metern pro Minute. Worin besteht die zentrale Herausforderung bei ihrer Entwicklung?

Rousseau: Es bedarf skalierbarer Architekturen für Software, Elektronik und Drucktechnik. Nur wenn sie von vornherein auf künftige Skalierungsschritte ausgelegt sind, lässt sich die exponentiell steigende Systemkomplexität beherrschen. Wir haben die Systemarchitekturen sehr gewissenhaft aufgesetzt, was auch mit meinem Werdegang zu tun hat. Ich habe bei EADS ein Labor geleitet, das komplexeste Systeme entwickelt hat. Dabei habe ich gelernt, Entwicklungsprojekte vom Start weg langfristig zu denken. Woran wir heute forschen, wird unseren Kunden in ein paar Jahren helfen, Kundenwünsche zu erfüllen. Darum leisten wir uns als kleine Firma 16 Ingenieurinnen und Ingenieure in der Forschung und Entwicklung. Wir wollen uns ständig verbessern und die besten verfügbaren Lösungen anbieten.

Wie kamen Sie zur gedruckten Elektronik: Neugier oder Diversifizierungsstrategie?

Rousseau: Wir folgen als Unternehmen einer Vision: Drucktechnik wird künftig nicht nur für dekorative Zwecke genutzt, sondern sie wird immer mehr Funktionen drucken. Das Internet der Dinge wächst. Wir werden in einer vernetzten Umwelt leben, in der Gegenstände und Geräte mit uns interagieren. Gedruckte Elektronik kann diese Interaktion günstig in großem Stil ermöglichen. Daher sehen wir im Druck von Silbernanopartikeln, Nano-Kupfer und von weiteren aktiven Materialien enormes Potential. Wir verstehen immer besser, wie wir sie mit  Drucktechnik zuverlässig verarbeiten können. Nun sind wir bereit zum Skalieren.

Sie kooperieren hier mit Start-ups wie Genes’Ink und TriDInnov. Welches Reifestadium haben diese Aktivitäten?

Rousseau: Unsere Inkjet-Drucker für Printed Electronics erzielen stark steigende Umsätze. Unabhängig davon treiben wir die Kooperationen mit TriDInnov und Genes’Ink voran, wobei es um vielversprechende Zukunftstechnologien geht. TriDInnov setzt auf die Verbindung von 3D-Druck mit Printed Electronics und nutzt dafür unser Verfahren für hochviskose Fluide mit großen Kupferpartikeln. Mit Genes’Ink treiben wir das EU-Förderprojekt „Clearsilver“ voran. Es geht darum, im Inkjet-Verfahren transparente, flexible leitende Dünnschichten zu drucken. Sie sollen Indium-Zinnoxid ersetzen, das spröde und teuer ist. Wir haben den neuen Ansatz validiert und bauen aktuell geeignete Drucktechnik im industriellen Maßstab; auch hier liegt der Fokus auf dem Dreieck Kosten, Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit. Ein großer Vorteil des digitalen Druckverfahrens: Schaltkreise lassen sich on-Demand drucken und im Laufe der Produktion jederzeit ändern. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Elektronikproduktion.

Hilft der Inkjet-Druck auf Papier beim Entwickeln der Systeme für Printed Electronics?

Rousseau: Unser Inkjet-Knowhow ist hilfreich. Aber letztlich sind das verschiedene Welten mit vollkommen unterschiedlichen Anforderungen. Um mehr Farbe auf Papier zu bekommen, steigern Sie den Tinteneinsatz. Für gedruckte Elektronik gibt es andere Stellschrauben: Die chemische Verbindung von Substrat und funktionaler Tinte oder der Einsatz von Inertgas, um Oxidationsprozesse zu verhindern. Auch bewegen wir uns hier oft im Nanometerbereich. Mit Papier-Knowhow kommt man da nicht weit.

Kommt beim Druck von Elektronik eine andere Inkjet-Technologie zum Einsatz?

Rousseau: In unseren KEOS-Systemen arbeiten Drop-on-Demand-(DoD)-Piezodruckköpfe. Diese haben wir für den Einsatz in den Printed Electronics umfassend modifiziert. Leitende Tinten stellen andere Anforderungen an den Prozess und die Umweltbedingungen. Wir sind in der Lage, die richtigen Prozessbedingungen sicherzustellen. Auch ist im Elektronik-Druck unsere neue DMD-(Drop-Material-Deposition)-Technologie im Einsatz, die sich deutlich von der DoD-Piezo-Technik unterscheidet und ein breiteres Spektrum an Tinten nutzbar macht.

Welche Rolle trauen Sie Printed Electronics in Ihrem Unternehmen zu?

Rousseau: Die aktuellen Wachstumsraten von 400 Prozent und die zuletzt stetig steigende Nachfrage sind ermutigend. Unsere ursprüngliche Vision kommt der Realität immer näher. Neben dekorativen Druckerzeugnissen gewinnt der funktionale oder industrielle Druck an Bedeutung. Wir werden unser Engagement in diesem Bereich weiter forcieren.

Wenn Sie sich KELENN technology im Jahr 2030 vorstellen, was sehen Sie? 

Rousseau: Weltweit werden noch mehr Kunden aus unterschiedlichsten Branchen unsere Systeme einsetzen, weil sie optimal in ihre Wertschöpfungsketten passen. Wir werden ein Team von hundert hochqualifizierten Frauen und Männern sein, das innovative Drucktechnik für herkömmlilche und funktionale Tinten sowie Bildverarbeitungstechnik entwickelt. KELENN technology bleibt ein hochspezialisiertes Technologieunternehmen.