„Unser Kernmarkt ist nach wie vor die Druckindustrie“

Planatol

Die Planatol Gruppe entwickelt und fertigt seit 1932 Klebstoffe und seit den 1950er Jahren Klebstoffauftragsysteme.

Frank Heuer, Geschäftsführer des Maschinenbaubereichs Planatol System, erklärt im Interview, wie Entwickler von Klebstoffen und Auftragtechnik bei Planatol zusammenarbeiten, warum es seit dem Einstieg eines Investors bergauf geht und wo die eingeschlagene Diversifizierungsstrategie bereits greift.

Herr Heuer, können Sie Planatol kurz vorstellen?

Frank Heuer: Planatol entwickelt, fertigt und liefert Klebstoffe und Klebstoffauftragsysteme. Wir sind ein mittelständisches Unternehmen mit circa 150 Mitarbeitern, rund 50 Mio. Euro Umsatz, zwei Werken in Rohrdorf und Herford sowie eigenen Vertriebs- und Serviceniederlassungen in Frankreich und Italien und weltweiten Vertriebs- und Servicepartnerschaften. Unser Maschinenbau hat eine F&E-Quote von 6,9 Prozent.

Hat sich Planatol seit dem Einstieg der Beteiligungsgesellschaft Blue Cap verändert?

Heuer: Ja, wir haben unser Profil geschärft und unsere Produktportfolios erweitert. Unsere Muttergesellschaft Planatol hat eine hochmoderne Anlage zur Herstellung von Dispersions-Klebstoffen in Betrieb genommen und seit dem Zukauf der Wetzel GmbH produzieren wir auch Heißleime. Dies und die Entwicklung der neuen Auftragsysteme Coldjet und Hotjet war der Schlüssel zu neuen Märkten - darunter die Verpackungs- und Möbelindustrie.

Welche Rolle spielt die Druck- und Papierbranche bei der Diversifizierung?

Heuer: Sie ist die „Wiege“ von Planatol und bleibt unser Kernmarkt, auch wenn wir weitere Standbeine auf- und ausbauen. Neben den Coldjet-/Hotjet-Systemen haben wir zulezt u.a. ein System zu Injektion von Duftstoffen in Schwämme für einen US-amerikanisches Großunternehmen entwickelt. Solche Sonderprojekte bergen die Chance, neue Märkte zu erschließen. Mittlerweile geht es auch in unseren neuen Produktbereichen gut voran, darunter Spezialklebstoffe für die Verpackungs- und holzverarbeitende Industrie. Das positive Marktumfeld in Deutschland hilft ebenso wie unsere Technologiepartnerschaften mit Unternehmen, Hochschulen und Verbänden. Durch die Partnerschaften können wir Produkte und Innovationen eng an den Anforderungen der Märkte ausrichten. Um unsere Klebstofflösungen in weiteren Märkten zu etablieren, haben wir ein New Business Development aufgebaut. Das trägt nun Früchte.

Inwiefern unterscheiden sich Ihre Systeme für die Druck- und Verpackungsindustrie?

Heuer: Im Druckbereich entwickeln und fertigen wir High-Speed-Falzklebesysteme, die in Rotationsdruckmaschinen aller führenden Hersteller integriert werden. Acht von zehn rotativ geklebten Akzidenzen werden heute mit unseren Systemen und Klebstoffen gefertigt. Bei Geschwindigkeiten bis 20 Meter pro Sekunde liegt die Kunst in der exakten Unterbrechung der Leimlinie, damit kein Klebstoff an die Falzmesser gelangt. Im Verpackungsbereich zählt eher der Einsatz von Sensorik, etwa zur Klebstoff- und Produkterkennung oder zur Kontrolle der Klebstoffmengen und -muster. Die Klebstoffmengen sind hier größer und oft verarbeiten unsere Systeme Kalt- und Heißleim. Speziell für unseren neuen Auftragsysteme Coldjet und Hotjet haben wir eine Steuerung entwickelt, die sowohl Kaltleim- als auch Heißleimsysteme oder Beide vereint steuern kann.

Hilft es, dass Klebstoffe und Auftragstechnik bei Planatol aus einer Hand kommen?

Heuer: Wir liefern als einziger Anbieter weltweit Klebstoffauftragssysteme und Klebstoffe aus einer Hand. Darum können wir auf Kundenwunsch hin für fast jedes Anwendungsfeld speziell entwickelte Klebstofflösungen anbieten. Kunden erhalten auf ihren Bedarf zugeschnittene, erprobte Gesamtlösungen. Es gibt täglich Berührungspunkte zwischen Ingenieuren, Entwicklern und Anwendungstechnikern. Um Synergien zu heben, nutzen wir ein modernes Ticketsystem, das aktuellen Beratungs- oder Abstimmungsbedarf in Echtzeit anzeigt. Mitarbeiter können überall darauf zugreifen, unterwegs, beim Kunden oder im Labor. Unsere Bereiche arbeiten „Hand-in-Hand“, was einen regen Wissenstransfer fördert.

Welche Rolle spielen Steuerungstechnik und Sensorik für die Prozessüberwachung?

Heuer: In unserem Kernmarkt, der Druckindustrie, bieten wir vielfältige Lösungen: Sensorik zur Papierbahnerkennung und –kantenüberwachung, Verbrauchsmengenmessung oder bei Bedarf Kamerasysteme. Unsere Klebstoffauftragssysteme lassen sich über den Leitstand der Rotationsdruckmaschine bedienen und haben serienmäßig Ferndiagnosesysteme und VNC-Schnittstellen. WLAN-Bedienoberflächen sind optional erhältlich. Die Steuerungen sind modular aufgebaut und im Fall unserer Combijet Längsleimsysteme so erweiterbar, dass damit bis zu 80 Auftragsköpfe angesteuert werden können. Zudem sind die Auftragsköpfe motorisch axial und vertikal verfahrbar.

Passen Sie Ihre Systeme an sinkende Auflagen und häufig wechselnde Druckjobs an? 

Heuer: Dafür braucht es hochkomplexe Steuerungen, intuitive Bedienung und automatische Produktwechsel. Wir bieten Visualisierung, Touchdisplays sowie integrierte Produktspeicher für bis zu 250 unterschiedliche Jobs. Der Bediener ruft die Klebevariante für den nächsten Auftrag per Touchdisplay auf, alles weitere erledigen die Systeme automatisch. Im Display ist anhand der farblichen Darstellung auch der aktuelle Zustand der Auftragsköpfe sichtbar: ob sie kleben, soften oder stillstehen.

Welche Rolle spielen Print 4.0 bzw. Industrie 4.0 für Planatol System?

Heuer: Wir beschäftigen uns intensiv damit, sehen bei einem Unternehmen unserer Größe aber nicht den Nutzen, den Großunternehmen mit hohem Automatisierungsgrad haben. Für unsere Klebetechnik ist Vernetzung dagegen unabdingbar, da sie ja meist in Prozessketten integriert wird. Sie verfügt über hochkomplexe Steuerungen zur Zustandsüberwachung und automatisierten Reinigung der Auftragsköpfe und Leitungen.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Forschung & Entwicklung?

Heuer: Aktuell suchen wir praktikable Lösung für nachrüstbare Querleimsysteme. Statt der konventionellen Systeme auf Zylinderbasis ist eine platzsparende Lösung mit Auftragdüsen gefragt, die in die knappen Bauräume von Akzidenz- und Tiefdruckanlagen passt. Daneben befassen wir uns intensiv mit neuen Anwendungen – etwa in der Dämmplattenherstellung.

Was sehen Sie, wenn Sie sich Planatol System im Jahr 2030 vorstellen?

Heuer: Mit der Blue Cap AG haben wir einen starken Partner, der es uns ermöglicht, größere Entwicklungsthemen und Investitionen zügig umzusetzen. Wir haben das Knowhow und das Potential, um mit unserer Klebetechnik in weiteren Märkten so erfolgreich zu werden, wie wir es im Bereich der rotativen Falzklebung bereits sind. Dafür werden wir Digitalisierungstrends aufgreifen und sie in sinnvolle, intuitiv bedienbare Lösungen für unsere Kunden übersetzen.

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